Die einzig wahre Paarung auf dem Schiff

Wir wissen schon lange, dass deutsche Wörter existieren, denen es in der englischen Sprache fehlt. Deshalb hören wir gespannt zu, wenn unsere Lieblingsseriencharaktere, natürlich in Originalfassung über die Worte „wanderlust“ und „doppelgänger“ stolpern. Doch was wir können, kann Englisch schon lange.

„Binge watching“ ein Ausdruck, der aus dem gelobten Land, das uns rotverpackte Pommes beschert hat, kommt. Mit dem Aufkommen von Netflix und anderen on-demand services mussten Amerikaner nicht länger wöchentlich warten, um eine Serie zu verfolgen, sondern konnten sie in einem Zug, in einem Marathon, schauen.

„Binge watching“ tut etwas mit Einem. Es veranlasst Einen, aus der Realität herauszutreten und nur noch durch den Filter einer Serie die Welt zu betrachten. Es ist eine Krankheit, die sich zur Epidemie entwickelt hat. Die Symptome sind ständige Gedanken, Schmerz, Beteiligung der Tränendrüsen, Euphorie und non stop social media Bekundungen. Wenn sich solche Leute finden, entsteht ein „fandom“. Dieses fandom wird immer und immer größer und irgendwann ist es so groß, dass es einer Armee gleicht. Sollte „Supernatural“ je ihr fandom in die Schlacht rufen, will ich nicht hier sein, um den Schaden mit anzusehen.

Netflix war lange Zeit nur in Amerika verfügbar. Wir wussten durch Youtube, Twitter und co. dass so ein Akt der Magie existiert, jedoch, dass, sobald wir die Seite selbst aufgerufen haben, uns der Zutritt verwehrt wurde. „Service not available. You appear to be outside the United States or its territories.“ Zwar schaffte Netflix noch nicht die Transatlantik-Überquerung, aber die Idee, Serien im Internet zu schauen, manifestierte sich bei uns. Und so übernehmen ausgewählte Leute die Sprache, die schon existierte und sich immer noch entwickelt. Doch jetzt waren wir Europäer inkludiert in diesem Akt der Geschichtsschreibung. Wir leben in einer Zeit, in der viele Europäer englische Bücher, englische Filme oder englische Serien den übersetzten Fassungen oder gar ihren Heimatfabrikationen vorziehen. Überrollt die englische Sprache uns oder müssen wir uns damit abfinden, dass es ein Fachjargon ist, der lediglich nur auf Englisch existiert?

Wer jemals Tumblr aufgerufen hat, wird nicht an den Ausdrücken „shipping“ oder „OTP“ vorbeigekommen sein. Selbst Serienschreiber haben mittlerweile Wind davon bekommen, was ihre Untertanen auf diversen social media Platformen aufführen. Ich benutze, das Wort Untertanen nicht leichtfertig, die Schreiber wissen, dass sie den wackeligen seelischen Gemütszustand ihres Publikums in der Hand haben. Und um ihr Volk ruhig zu stellen, machen sie hin und wieder Inhalte von fanfictions zu canons. Urban Dictionary ist in diesem Nebel an Vokabular dein bester Freund.

Aus meiner Sicht, ein neunzehnjähriges Mädchen, dass zu viel im Internet ist, entwickelt sich Deutsch kaum weiter. Mit Sicherheit wird ein Germanistikprofessor diese Ansicht nicht mit mir teilen und mir Quellen zum Nachlesen auf Grund meiner Unwissenheit übermitteln. Mir kommt vor, dass, sobald wir reden wollen wie es „die jungen Leute heutzutage tun“, wir auf Wörter zurückgreifen müssen wie „oida“ „chillig“ und „geil“. Ist es so ein Verbrechen, sich stattdessen vom Englisch-Zug überrollen zu lassen?

Schlüpft einem in Wien ein englisches Vokabular oder – Gott bewahre – sogar eine ganze Phrase in den Satz, wird es immer mehr mit einem Augenrollen bedacht. Doch was die Außenstehenden nicht wissen ist, dass es keine willkürliche Entscheidung mehr ist. Wir Erkrankten haben einen englischen Satz im Kopf und gehen auf leo und browsen ein bisschen, um zu schauen, ob es eine deutsche Übersetzung gibt, die dasselbe aussagt. Und oft, siehe da, es gibt selten deutsche Wörter, die den exakt selben Gemütszustand schriftlich überliefern. Englisch ist das Virus, dass sich irgendwann eingenistet hat, keiner hat es bemerkt, die Symptome waren harmlos. Ein „lol“ hie und da hat Keinem geschadet. Plötzlich wird es schlimmer, es wird zum Fieber. Die Temperatur steigt an, statt dass sie sinken würde. Zurück bleibt nur die Panik. Schwöre ich Abstinenz? Lösche ich meine langerträumte Netflix Subscription? Schaue ich nur noch deutsche Synchronfassungen, um mir wieder vielfältigeres deutsches Vokabular anzutrainieren? Das Heilmittel steht aus.